Aktuelles

Vortrag: „Einsatz von Kampfmitteln in bebautem Gelände und den Spätfolgen am Beispiel von Hamburg“

(23.10.2012 19:00)

Die Stadt Hamburg war bevorzugtes Ziel von alliierten Bomberverbände aufgrund der dort ansässigen Rüstungsfabriken im II Weltkrieg. Schiffswerften, Flugzeugwerften, Munitionsfabriken und viele Versorgungsbetriebe der Industrie waren hier angesiedelt. Die erste große Bombardierung der Hansestadt Hamburg geschah vor ziemlich genau 70 Jahren. Im Mai 1940 erreichte der erste Luftangriff Hamburg. Es erfolgten bis Ende 1942 weitere 127 Angriffe auf die Hansestadt. Erstmalig in der Nacht zum 4. Mai 1942 wirft die RAF nach einer neuen Taktik nur 30 Spreng-, aber 3500 Brandbomben auf die Stadt, mehr als je zuvor. In St. Pauli und in Hammerbrook gehen Dutzende Häuser in Flammen auf. Der Bombenkrieg bekam eine neue Dimension. Die Operation „Gomorrha“ ist die bekannteste Bezeichnung der systematischen Zerstörung Hamburgs. „Gomorrha“ war der militärische Codename für eine Serie von Bombenangriffen, die von der RAF der im vom 25. Juli bis 3. August 1943 auf Hamburg  ausgeführt wurden. Es waren die bis dahin schwersten Angriffe in der Geschichte des Luftkrieges. Die Jäger der Luftwaffe, Hilfsschiffe der Marine, Artilleriestellungen der Flugabwehr schießen bei den vielen Luftangriffen alliierte Bomber ab.

Der ehemalige Soldat der Bundeswehr Peter Voß hatte sich bereit erklärt einen geschichtlichen Vortrag über den dunklen Abschnitt der Geschichte Hamburgs zu halten. Er ist in der Bundeswehr zum Feuerwerker ausgebildet worden, und ist 1980 zum Kampfmittelräumdienst Hamburg gegangen und war dort seit 2001 der Leiter des Kampfmittelräumdienstes.

Der etwa 3-stündige Vortrag beinhaltete Daten zur Bombardierung Hamburgs, sowie die verschiedenen Abwurftechniken und die Munitionstechnik der Alliierten mit einem Ausblick auf die heutigen Auswirkungen.

Einleitend waren erstmalig gezeigte Fotos von der Bombardierung Hamburgs zu sehen. Diese Lichtbilder stammen von einem Dachboden einer Feuerwehrwache der Hansestadt. Ein Feuerwehrmann hatte diese Aufnahmen  während seiner Einsätze in der Stadt trotz des strikten Verbots gemacht. Nachdenklich und betroffen nehmen die Teilnehmer der Veranstaltung die Schwarzweißbilder wahr.

Die vielen Varianten der abgeworfenen Bomben sind beindruckend. Vor allem bei Fliegerbomben des Zweiten Weltkrieges war die Blindgängerrate besonders hoch. Aufgrund der Sicherheitsforderungen für die eigenen Streitkräfte (bei Transport, Lagerung, Beladung der Flugzeuge, Flug zum Ziel) mussten die Bomben so gesichert sein, dass Zwischenfälle bis hin zu Bruchlandungen und Abstürzen keine Detonation der Bomben verursachen konnte. Erst beim Abwurf wurden die Zünder entsichert (durch das Ziehen der Vorstecker) und nach dem Abwurf (in der Regel durch kleine Propeller (Windräder) im Leitwerk der Bombe, die sich im Luftstrom drehten) geschärft. Allein hierbei konnte eine Vielzahl von Ursachen dazu führen, dass der Schärfvorgang nicht oder nur unvollständig ablief und die Bombe unscharf aufschlug.

Eine besondere Kategorie stellen Langzeitzünder dar, die dazu dienen sollten, langfristig das Bedrohungspotenzial im Zielgebiet aufrechtzuerhalten und die Bombe später explodieren zu lassen. Auch diese Zünder können versagen und dann „echte“ Blindgänger hervorbringen. Bomben, die nicht explodiert, aber beim Aufschlag aufgerissen sind, werden als „Zerscheller“ bezeichnet.

Erfahrungswerte der Sprengkommandos im Zweiten Weltkrieg ergaben, dass ca. 10–20 % der von den alliierten Flugzeugen abgeworfenen Bomben Blindgänger waren. Einige dieser Bombenarten wiesen eine bis zu 80% hohe Blindgängerrate auf. Nach Einschätzung von Experten gibt es jährlich 1-2 Selbstzündungen von Blindgängern in Deutschland.

Eine Übersicht und Erklärung der verschiedenartigen Zünder der Kampfmittel durch den Vortragenden gab einen Eindruck zum risikoreichen Dienst des Personals der Kampfmittelräumung. Hier wird schnell klar, dass eine fundierte theoretische Ausbildung und handwerkliches Geschick den Berufsalltag  bestimmen. Eine Einschätzung des Risikos vor Ort ist unabdingbar.

Die Erfahrungen aus der Praxis erzählt der Experte Peter Voß mit einer für uns befremdlich wirkenden Selbstverständlichkeit. Das Verfahren vor Ort ist beeindruckend: Entschärfung von Blindgängern in recht unzugänglicher Position mit den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln sind eine große Leistung.

Häufig ist eine Sprengung von Kampfmitteln vor Ort nicht mehr möglich. Das Evakuieren von Wohnblöcken ist zum Schutze der Bevölkerung zwingend erforderlich, denn die immer älter werdende Munition wird nicht ungefährlicher, sondern immer brisanter.

Eine Stadt hat nicht nur überirdisch eine Infrastruktur sondern auch unterirdisch: Kanalisation, Elektrizitäts-und Kommunikationskabel, Pipelines und Gasleitungen versorgen die Stadtteile mit ihren Wohnungen und den Geschäfts und Industriegebäuden.

Beschrieben wurde auch der große Aufwand zum Auffinden der Kampfmittel. Erst 1980 wurden die RAF Aufklärungslichtbilder der Bundesrepublik Deutschland zur Verfügung gestellt. Die darüber gewonnen Erkenntnisse werden durch Fachleute ausgewertet und akribisch in die Kartografie übertragen. Die Aktualisierung der Hamburger Stadtgebietskarten erfolgt wöchentlich.

Den Kampfmittelräumdienst beschäftigt bis heute noch entsorgte Munition rund um Hamburg zum Kriegsende 1945. Fliegerbomben, Flakgranaten, Torpedos und Wasserbomben werden bis heute in der Hansestadt aufgefunden.

Fazit: Mit der heute verfügbaren Kapazität hat der Kampfmittelräumdienst laut Analyse noch 145 Jahre in Hamburg zu tun.

Vortragsraum im Schützenheim in Wilsdorf
Vortragsraum im Schützenheim in Wilsdorf



Zurück